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ZUR UHRENGESCHICHTE VON ST. MARIEN

Für das Rechnungsjahr 1379/80 ist im Rechnungsbuch der Stadt Rostock eine Ausgabe von 212 1/2 Marck Rostockisch für den Bau einer Uhr und eines Uhrengehäuses ("„ad pixidem et ad orlogium") belegt. Der Auftrag wurde an einen nicht namentlich genannten Meister aus Lübeck ("magistro orlogii") vergeben. Die Kosten machten rund 6% der städtischen Ausgaben in jenem Rechnungsjahr aus. Das bedeutet, dass es sich um eine bedeutende Anschaffung handelte. Mehr noch: Die Rostocker Uhr gehört zu den frühesten repräsentativen astronomischen Monumentaluhren im Anfangsjahrhundert der Räderuhren.

   Obwohl nicht geschrieben ist, wo diese Uhr aufgestellt wurde, sprechen gewichtige Gründe für die Marienkirche:

- Sie war die bedeutendste der Rostocker Kirchen, ihre Hauptpfarrkirche, mit dem reichsten Rostocker Pfarrbezirk, und der Rat hatte das Patronat über diese Kirche.
- Im gleichen Jahr 1379 wurde am 22. November eine Glocke für die Marienkirche gegossen, die noch heute in deren Turmlaterne hängt. Der gleichzeitige Guss einer (Stunden)Glocke und der Bau einer Uhr macht einen ursächlichen Zusammenhang zwischen beiden Aufträgen wahrscheinlich.
- In anderen Hansestädten mit Monumentaluhren aus der Zeit bis 1435 befinden bzw. befanden sie sich immer in den Hauptpfarrkirchen bzw. Domen dieser Städte.

   Der wahrscheinliche Aufstellungsort dieser Uhr in der Rostocker Marienkirche wird entweder die Westwand des Kirchenschiffes (an die später die Orgel kam) oder der Chorumgang gewesen sein, Rücken an Rücken mit dem Hauptaltar. Das ist sozusagen der "klassische" Ort der hansischen Kirchenuhren jener Zeit.

   Alle weiteren Nachrichten über die Rostocker Uhr von 1379 fehlen. Es ist zu vermuten, dass sie 1398 beim Umbau von der Hallenkirche zur Basilika erheblich beschädigt wurde. In dem folgenden halben Jahrhundert stand die Fertigstellung des umgebauten Kirchengebäudes im Vordergrund, bevor man an die Erneuerung und Erweiterung der Ausstattung denken konnte.

   1463/70 erbaute Meister Hans Düringer, den der Danziger Rat von Thorn nach Danzig geholt hatte, eine Monumentaluhr in der dortigen Marienkirche. Es ist zu vermuten, dass die Rostocker, mit den Danzigern in vielfältigen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen, Hans Düringer 1470 verpflichteten, eine gleichartige, noch prächtigere Uhr in Rostock zu erbauen. 1472 war sie so weit gediehen, dass Bischof Werner von Schwerin denjenigen 40-tägigen Ablass versprach, die für die Fertigstellung der neuen Uhr spendeten ("ad complendum horologium nouurn"). Es ist anzunehmen, dass die Uhr bald danach vollendet wurde. Hans Düringer starb 1477 in Danzig und wurde dort begraben.

   Die Rostocker Uhr ist die jüngere Schwester der Danziger. Beide verkörpern einen für den hansischen Raum damals neuen Uhrentyp, gleichen sich in der Größe und in vielen anderen Maßen und besitzen Gemeinsamkeiten der ikonografischen und der künstlerischen Gestaltung. Kein anderes repräsentatives Uhrenpaar gleicht einander so, wie diese beiden Uhren. Die wesentlichen Unterschiede sind dem Bestreben der Rostocker geschuldet, die Danziger mit ihrer Uhr noch zu übertreffen. Das zeigt sich an der Uhrscheibe mit dem zusätzlichen Ring aus geschnitzten Monatsbildern und im Kalenderraum mit einem zweiten Tierkreisring (neben dem der Uhrscheibe). Außerdem finden sich in Rostock in den Zwickeln des Kalenderraumes die offensichtlich in Erinnerung an die Vorgängeruhr in das Bildprogramm aufgenommenen Gelehrtenskulpturen.

   Die Rostocker Uhr war auch umfangreicher als die Danziger. Denn die räumliche Nähe zum Altar wurde 1472 genutzt, eine Nebenuhr nach Westen, oberhalb des Altars zu erbauen. Sie war für die Gemeinde im Kirchenschiff sichtbar. Mit hoher Wahrscheinlichkeit gehörten zu ihr vom Uhrwerk bewegte Figuren, wie das beispielsweise auch aus Wismar belegt ist. Denn als dieser westliche "Uhrenschauplatz" 1621 an die Turminnenfront, unterhalb der Orgel verlegt wurde, wird von "dem engel und der Marien" berichtet, die nun dort als Viertelstundenschläger fungierten. Vicke Schorler, der diese Nachricht in seiner Chronik überlieferte, sprach von diesen Figuren so selbstverständlich, als seien sie den Zeitgenossen gut bekannt gewesen. Es darf daher angenommen werden, dass die Altaruhr dekorativ gestaltet und Teil der Altarikonografie war. Dabei muss bedacht werden, dass der damalige Altar wesentlich niedriger war, als der 1720 erbaute heutige. Es ist ferner anzunehmen, dass die oberste Etage des Uhrengehäuses bis 1720 aus dem Kirchenschiff eingesehen werden konnte. Daher war sie dekorativ gestaltet, seit 1643 z.B. mit einer großen hölzernen Laterne, die dort seit 1720 funktionslos steht.

   Nach der Reformation mit ihren tief greifenden Wandlungen - z.B. der weitgehenden Abkehr von der Marien- und Heiligenverehrung, dem Bilder- und Reliquienkult - verkamen die Danziger wie die Rostocker Uhr. Sie galten lange Zeit als Objekte aus katholischer, "papistischer" Zeit. Der entscheidende Unterschied in der Geschichte beider Uhren liegt darin, dass in Rostock in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts neues Nachdenken zur Wiederherstellung der Uhr führte, verbunden mit einem "reformatorischen Umbau", während die Danziger Uhr mehr und mehr verfiel. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich war sie gänzlich verschollen, bis sie im letzten Viertel des 20. Jh. wie Phönix aus der Asche neu entstand. Aber das ist eine andere Geschichte.

   Um 1620 war also Bewegung in die rund ein halbes Jahrhundert dauernde Stagnation und den Stillstand der Rostocker Monumentaluhr gekommen. Der zeitliche Abstand zu den Ereignissen der Reformation gestattete nun, wieder unbefangener über den historischen Wert und die Bedeutung dieser Uhr nachzudenken und sie als städtischen und kirchlichen Schatz neu zu entdecken. In einer ersten Etappe wurde die Altaruhr an die Westwand des Kirchenschiffes gebracht und dabei modernisiert: Das 24-Stunden-Zifferblatt wurde durch ein 12-Stunden-Zifferblatt mit dem neuartigen Viertelstundenring ersetzt, neue Werke wurden angeschafft (Uhrwerk, Stundenschlagwerk, Viertelstundenschlagwerk) und der Weg zur Stundenglocke im Turm wesentlich verkürzt.

   Zwei Jahrzehnte später, 1641/43, war die Zeit dann reif für eine umfassende Wiederherstellung auch der astronomischen Uhr. Sie erhielt einen eigenen Stundenschlag und einen Musikautomaten, wurde äußerlich im Stil der Spätrenaissance und ikonografisch im reformatorischen Sinne umgestaltet. Insgesamt wurden mitten im Dreißigjährigen Krieg 949 Gulden für Arbeitslöhne und Materialien für diese Uhr ausgegeben! Davon wurden 170 Gulden von Honoratioren der Stadt und der Kirchgemeinde gespendet.

   Das "Uhrengesicht" von 1643 (mit der Uhrscheibe und dem Kalenderraum von 1472) ist bis in unsere Zeit unverändert erhalten. Größere Gefahren drohten der Uhr nur 1835 und während des 2. Weltkrieges.

   1835 wurden umfangreiche Gewölbearbeiten im Chor der Kirche notwendig, bei denen auf die Uhr wenig Rücksicht genommen wurde. Durch Schutt und Staub kam sie zum Stillstand, die Glocken des Musikwerkes zerbrachen. Die Wiederherstellung des Gewölbes, eine umfangreiche Veränderung an der Windanlage der Orgel und die große Kirchenrenovierung von 1842 erschöpften die finanziellen Mittel der Kirchgemeinde und ließen die Uhr ins Hintertreffen geraten. Als die Mittel wieder flossen, waren zunächst erneute Schäden an und in der Kirche zu beheben. Ein halbes Jahrhundert dauerte dieser Stillstand der Uhr. 1877 lief die Gültigkeitsdauer der Beschriftung der Kalenderscheibe ab, ohne dass sie erneuert wurde. Erst 1885 waren Bereitschaft, Geld und Fachleute vorhanden. Mit dem Orgelbauer Carl Börger und dem Maler H. Jenssen übernahmen Rostocker Meister die innere und äußere Wiederherstellung der Uhr. Unter anderem wurden alle Werke gründlich überholt, das Glockenspiel wurde neu gegossen und das Uhrengehäuse von weißer und blauer Leimfarbe befreit, die dort 1745 aufgebracht worden war. Die Kalenderscheibe wurde neu beschriftet, wofür die Daten im Wesentlichen von der Lübecker Kalenderscheibe übernommen wurden.

   Bei den Bombenangriffen auf Rostock im April 1942 entging die Marienkirche - und damit ihre astronomische Uhr - der Zerstörung vor allem dank der vorbeugenden Umsicht, dem persönlichen Einsatz und dem Mute des Turmdieners Friedrich Bombowski und seiner Tochter Ursula. Die Uhr wurde im ersten Halbjahr 1943 eingemauert und einbetoniert und erst Ende 1951 wieder freigelegt. Sie überstand auch diese Tortur ohne wesentliche weitere Schäden.

   1974 übernahm der Metallrestaurator Wolfgang Gummelt den Auftrag, alle Werke der Uhr und ihre Zeiger gründlich zu überholen. Diese umfangreiche Restaurierung war 1977 abgeschlossen. Seither geht die Uhr wieder in allen ihren Teilen. Es bleibt zu hoffen, dass sie auch in allen kommenden Zeiten die notwendige Wartung findet.

 
Grundriss der St.-Marien-Kirche in Rostock. 1. Südportal; 2. Hauptaltar (1720/21); 3. Orgel (1770); 4. Astronomische Uhr (um 1472)

Die Rostocker astronomische Uhr gehört zu den frühesten repräsentativen astronomischen Monumentaluhren im Anfangsjahrhundert der Räderuhren

Dort wo heute die Orgel steht, an der Westwand, wird der wahrscheinliche Aufstellungsort der Uhr in der Rostocker Marienkirche gewesen sein

Im 15. Jahrhundert war der damalige Altar wesentlich niedriger als der heutige, und in die oberste, dekorativ gestaltete Etage des Uhrengehäuses konnte man aus dem Kirchenschiff einsehen

Vicke Schorler zeichnete zwischen 1578 und 1586 die Marienkirche mit Stundenglocke im Turm

Die instandgesetzte Turmlaterne des Westturmes mit Stundenglocke aus dem Jahr 1379 im Jahr 2010

Der alte Hammer der Stundenglocke

Die Uhrscheibe mit dem zusätzlichen Ring aus geschnitzten Monatsbildern

Der zweiten Tierkreisring im Kalenderraum und im Zwickel eine Astronomenskulptur

Fratze als Verzierung am linken seitlichen Pilaster des Rahmens der Uhr

Putte als Verzierung am linken seitlichen Pilaster des Rahmens der Uhr

Fratze als Verzierung am linken seitlichen Pilaster des Rahmens der Uhr

Putte als Verzierung am linken seitlichen Pilaster des Rahmens der Uhr

Diese große hölzernen Laterne war bis 1720 der obere Abschluss der Uhr

1641/43 erhielt die Uhr einen eigenen Stundenschlag

1641/43 erhielt die Uhr auch einen Musikautomaten

Innschrift von 1735 im Uhrgehäuse

Gemälde von Egon Tschirch, 'Die zerstörte Stadt', 1947
Der ehemalige, zu schwere Apostelträger wurde 1974 ausgetauscht
Der Standort der astronomischen Uhr ist im Chorumgang, Rücken an Rücken mit dem Hauptaltar Web Photo Display by VisualLightBox.com v3.0