Die quadratische Uhrscheibe nimmt eine Fläche von etwas mehr als 16 m² ein. Mit Ausnahme der seitlichen Begrenzung und der Evangelistensymbole in den Ecken entstammt sie der Entstehungszeit dieser Uhr von 1472.
Ins Auge fallen die konzentrischen Kreise mit Ziffern und geschnitzten Figuren, die Zeiger und die Scheiben. Sie dienen der Zeitanzeige sowie astronomischen und astrologischen Angaben.
A. Die Uhrzeit. Selbst die scheinbar so einfache Ablesung der Uhrzeit kann zum Problem werden, wenn sie - wie hier - auf ungewohnte Weise erfolgt:
Da ist erstens der Stundenring, ein gotischer Zahlenring mit zweimal den Zahlen 1 bis 12 (1, II, III, 1111, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII). Zweitens besitzt die Uhr einen Stunden-, aber keinen Minutenzeiger. Er dreht sich einmal täglich und ist ein Doppelzeiger. Mit seinen beiden Enden ragt er in den Stundenring, so dass an der Hand an seinem einen Ende (am Tage in der oberen Scheibenhälfte) und an dem Stern an seinem anderen Ende (tagsüber in der unteren Scheibenhälfte) die Uhrzeit abgelesen werden kann.
B. Die astronomischen und astrologischen Anzeigen. Innerhalb des Stundenringes sind zwei breite Figurenringe und zwei schmale Ziffernringe zu sehen. Außerdem drehen sich im Zentrum der Uhrscheibe zwei kreisförmige Scheiben mit je einem Zeiger.
Der äußere der breiten Figurenringe ist der Tierkreisring mit den geschnitzten Tierkreiszeichen. Durch den zwischen dem Stunden- und dem Tierkreisring liegenden schmalen Ziffernring wird jedes Tierkreiszeichen von 5 zu 5 Grad in 30° geteilt.
Waagerecht rechts beginnt das Zeichen des Widders. Ihm folgen in Gegenzeigerrichtung die Zeichen von Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann und Fische.
Nach innen schließt sich an den Tierkreisring ein Ring mit ebenfalls geschnitzten Monatsbildern an. Jedem Monat sind monatstypische Darstellungen zugeordnet, unten rechts mit dem Januar beginnend und gleichfalls entgegen der Uhrzeigerrichtung verlaufend:
Ein vornehmer Herr tafelt. Ein Mann wärmt sich am Feuer.
Ein Mann pflanzt zwei Bäume. Eine Frau gräbt um. Ein Bauer sät. Ein Schnitter mäht Gras mit einer Sense.
Eine Bäuerin mäht Getreide mit einer Sichel.
Ein Bauer drischt Korn mit einem Flegel. Ein Winzer erntet Reben. Ein Mann pflückt Äpfel.
Ein Mann hackt Holz. Ein Mann tötet ein Schwein.
Im Zentrum der Uhrscheibe drehen sich zwei Scheiben: Die sichtbare vordere ist mit Sternen und dem Bild eines Drachens bemalt und besitzt einen kreisförmigen Ausschnitt. Das ist die Sonnenscheibe. An ihrem Rand ist ein Sonnenzeiger befestigt. Diese Scheibe dreht sich einmal jährlich im Gegenzeigersinn. Dabei durchläuft der Sonnenzeiger alle Tierkreiszeichen und Monate und gibt den Stand der Sonne in den Tierkreiszeichen und das ungefähre Datum an.
Die Mondscheibe liegt unter der Sonnenscheibe. Ein Teil von ihr ist im Ausschnitt der Sonnenscheibe sichtbar. Dort wird die aktuelle Mondphase angezeigt: Bei Vollmond sieht man das strahlend helle und bei Neumond ein dunkles Mondgesicht und zu anderen Zeiten ein mehr oder weniger großes Stück des goldgelben Mondes, der jeweiligen Mondphase entsprechend.
Die Mondscheibe dreht sich in 27,32 Tagen (= 1 siderischer Monat) um 360°. Der an ihr befestigte Mondzeiger bewegt sich dabei durch alle Tierkreiszeichen. Da sich inzwischen auch der Sonnenzeiger in der gleichen Drehrichtung weiter bewegt hat, vergehen 29,53 Tage (= 1 synodischer Monat), bis Sonnen- und Mondzeiger wieder zur Deckung kommen. In der Natur ist das der Zeitraum zwischen zwei aufeinander folgenden gleichen Mondphasen.
Am Rande der Sonnenscheibe ist ein schmaler Ziffernring mit den Zahlen 1 bis 29 zu erkennen. Der Ort des Mondzeigers unter diesem Ziffernring gibt das "Mondalter" an. Darunter wird in der Astronomie die Anzahl der seit dem letzten Neumond vergangenen Tage verstanden.
Bei Neumond (Mondalter 0) bedecken sich Sonnen- und Mondzeiger. Bei Vollmond (Mondalter etwa 15) stehen sie - wie in der Natur - einander gegenüber, und bei zunehmendem oder abnehmendem Halbmond bilden sie ungefähr einen rechten Winkel.
C.Die Scheiben auf dem Stundenzeiger. Auf jeder Hälfte des Stundenzeigers befindet sich eine Scheibe. Beide sind auf dem Zeiger drehbar. Am unteren Rand sind hinter jeder der Scheiben Massestücke befestigt, die sie in einer bestimmten Lage halten. Die am Tage untere dieser beiden Scheiben zeigt den Rostocker Senator Zacharias Sebes (*1601 in Zellerfeld, +1650 in Rostock). Er hatte sich 1641/43 um die Wiederherstellung der Uhr verdient gemacht und erfuhr darum nach seinem Tode hier eine Ehrung. Am Rande dieser Sebes-Scheibe wandert ein 24-Ziffernring an einer Marke auf dem Stundenzeiger vorbei, so dass man auch hier die Uhrzeit ablesen kann. Diese "Schwerkraftuhr" ist eine Miniaturuhr, eine "Uhr auf der Uhr". Es darf begründet vermutet werden, dass sie von 1472 stammt und bis 1650 ein anderes Bildnis trug.
Die Scheibe auf der anderen Stundenzeigerhälfte (am Tage oben) ist eine astrologische Stundenregentschaftsuhr. Im Unterschied zur Sebes-Scheibe wird sie über ein Getriebe bewegt. Dadurch wird bewirkt, dass stündlich einer der 28 Sektoren an dem immer in Richtung des Stundenzeigers stehenden roten Zeiger vorbei wandert. Jeder der 28 Sektoren ist mit dem Namen und dem Zeichen eines der sieben "Wandelsterne" gekennzeichnet. Gemäß dem ptolemäischen Weltbild waren das neben den Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn auch Sonne und Mond. Unter dem roten Zeiger befindet sich der Sektor desjenigen Himmelskörpers, der die aktuelle Stunde regiert ("Stundenregent"). Der Regent der ersten Stunde nach Mitternacht ist gleichzeitig Tagesregent ("Possessor") und gibt dem beginnenden Tag seinen Namen:
Sonne - Sonntag (engl. Sunday) Mond - Montag (engl. Monday, frz. lundi) Mars (Tiu) - Dienstag (engl. Tuesday, frz. mardi) Merkur (Wodan) - Mittwoch (engl. Wednesday, frz. mercredi) Jupiter (Thor) - Donnerstag (engl. Thursday, frz. jeudi) Venus (Freya) - Freitag (engl. Friday, frz. vendredi) Saturn - Sonnabend (engl. Saturday)
Eine nachreformatorische Zutat an der Kalenderscheibe sind die Evangelistensymbole:
Matthäus als Engel (links oben) Marcus als geflügelter Löwe (links unten) Johannes als Adler (rechts oben) Lucas als geflügelter Stier (rechts unten)
Dass diese Figuren nicht aus der Zeit um 1472 stammen, erkennt der aufmerksame Betrachter daran, dass die beiden oberen auf Türen gesetzt sind, die ihre ursprüngliche Funktion 1641/43 verloren hatten.
Dies Detail ist ein wichtiges Indiz für die enge Verwandtschaft zwischen der Danziger und der Rostocker Uhr: Die Danziger ist uns in ihrer ursprünglichen Gestalt von 1463/70 bekannt. Bei ihr gibt es noch die beiden Türen in den oberen Zwickeln der Uhrscheibe. Sie öffnen sich zu bestimmten Zeiten, und es werden zwei Szenen der biblischen Geschichte sichtbar: Die Verkündigung des Engels an Maria (Lk. 1, 26-38) und die Anbetung des Kindes durch die drei Könige (Mt. 2, 1-2). Diese und weitere Analogien zwischen beiden Uhren lassen wahrscheinlich erscheinen, dass die Türen in Rostock eine ähnliche Funktion hatten. Mit dem Bruch in der Marienverehrung nach der Reformation war diese Szene nicht mehr zeitgemäß und wurde bei der Rekonstruktion der Uhr während des Dreißigjährigen Krieges im reformatorischen Sinne durch die Evangelisten ersetzt.
Darüber hinaus ist die Vermutung berechtigt, dass sich seit 1472 in Rostock oberhalb der Uhrscheibe ein Aufsatz befand, der ursprünglich dem der Danziger Uhr ähnlich war (Apostel- und Evangelistenumgang, Adam und Eva). Er verkam im Laufe des 16. und in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts und wurde 1641/43 durch den heutigen ersetzt.